Montag, 22. Oktober 2012

Bretagne 2012

Aus meinem Autoradio erklingt Philipp Poisel, der sich auf den Weg bis nach Toulouse macht. Besser als in jedem Musikvideo, bahnt sich dazu der Frühnebel seinen Weg durch die schönen Täler in Nordfrankreich. Wie im Märchen liegen die Dörfer idyllisch verhüllt. Ich fahre mich in den Serpentinen fast schwindelig. Die ersten Sonnenstrahlen küssen die Gipfel wach. Mein Beifahrer und der Hund im Tiefschlaf. Somit habe ich diese schönen Momente der Ankunft im Urlaub ganz für mich alleine. Endlich durchatmen. Es liegen drei harte Arbeitswochen hinter mir. Man arbeitet ja gerne eine Arbeitswoche auf zwei dazu, um dann eine Woche mehr Surfurlaub haben zu können ;)

Unser Ziel haben wir alsbald erreicht: die Halbinsel Crozon in der Bretagne.
Erster Spot: La Palue.
Erste Surfsession: etwa eine Stunde nach Ankunft.

„La Palue“ empfing uns einfach atemberaubend. In die große Bucht lief ein Set nach dem anderen. Die smaragdgrünen Wellen türmten sich hintereinander auf. Und vom Strand aus stehend konnte man dank ansehnlicher Höhe auch kaum mehr den Horizont erkennen. Statt dessen sahen wir in tolle Faces und beschlossen rasch die Wellenreiter auszupacken.

Nicht zuletzt als ich Andre eine riesengroße Welle anpaddeln sah, die ihm im Take-off herrlichst verschluckt hat (glich einem Kopfstand-Überschlag), war mir klar, dass die Wellen für mein Surflevel deutlich zu groß waren. Selten kam ich durch den Schaum raus ins Line Up und hab so mit meinen Mini-Malibu mehr Schaumwalzen gerippt als echte Wellen. Trotzdem kamen wir strahlend vom Wasser. Wie geil wäre das bitte, wenn der Urlaub so weiter geht?! Dann würde ich entweder ganz viel lernen oder den Wellenreiter bald bei ebay einstellen. Hihi!

Ein paar Tage später ertappte ich mich dabei, meinen Urlaubspartner Andre für den Surfstress, den er machte, zu verfluchen. Um auf keine Session zu verzichten, fiel der komplette Mädchen-Sightseeing Faktor hinten über. Statt morgens die schönen französischen Märkte zu besuchen, Apfelbauern (Cidre) oder Ziegenhaltern (Ziegenkäseherstellung) über die Schulter zu schauen oder den Trubel in den größeren Städten live zu erleben, musste gesurft werden. Meine Reaktionen amüsierten Andre köstlich, der schon feierte, der „Surfbetty“, wie er mich dann nannte, das Surfen ungenießbar zu machen. Dafür kam ich immer auf meine Kosten, wenn ein Spotwechsel anstand. Denn dann gab es ja andere Dörfer und Städte, die man auf der Durchreise erkunden konnte – im Bus versteht sich. Aber irgendwie war das Surffieber ja nachvollziehbar. Bei uns gibt’s diese Surfbedingungen eben nicht. Schlussendlich ist die „Betty“ ja auch surfsüchtig wie immer.
Mein Lieblingsspot war „Lostmarc´h“. Hier zieht eine Lift-Strömung am Felsen entlang direkt ins Line Up. Schöne große Wellen in einer kleinen Bucht, die man nur zu Fuß von La Palue aus oder über einen kleinen Parkplatz vor dem Naturschutzgebiet erreicht. Herrliche Naturidylle. Dazu nur wenige andere Surfer. Ein paar Engländer und zwei Franzosen trafen wir dort immer wieder. Man grüßte und feierte sich gegenseitig. Pure entspannte Surfstimmung :)

Surfen bis die Sonne sich schlafen legt und der Vollmond die Erde küsst. Ich liebe Sunset-Sessions! La Palue hatte nichts ausgelassen, um sich tief in meiner Surferinnen Seele zu verankern.

Bis auf eine Frühsession. Man stelle sich eine kleine Surferin vor, die gemeinsam mit ihrem Urlaubspartner im Sonnenaufgang aufs Meer paddelt. Wie romantisch ;) Es hat nicht lange gedauert (max. 3 Minuten) bis Andre etwa 150 Meter weiter in der Bucht größere Wellen ausmachte und weg paddelte. Naja, egal! Schon aus Trotz bin ich nicht hinterher. Zwei Wellenritte später liege ich nun da draussen. Nur drei Surfer insgesamt auf dem Wasser. Zwei davon 200 Meter entfernt in den dicken Wellen und ich. Plötzlich kommt ein Blasenteppich auf mich zu. Schneller als mir lieb ist, liege ich mitten drin. F***!!! Haie gibt’s hier nicht. Jajajaja... Das beruhigt nicht wirklich, wenn die erste Möwe links und rasch darauf die zweite rechts neben einem ins Wasser schlägt. Da wo Fischschwärme sind, gibt es sicher größere Wasserfiecher, die Futter suchen. Fluchend, aber mich immer ruhig redend beschließe ich Hände und Beine auf mein Board zu legen und einfach abzuwarten bis die größeren Wellen mich mit nehmen. Immer wenn eine ganz fette dabei war, hab ich gepaddelt wie eine Weltmeisterin. Ein letzter rettender Ritt zum Strand. Und was macht man da, wenn man in beste Bedingungen blickt??? Klaro, wieder raus an sicherer Stelle...

Übrigens werden kleine Sünden ja erfreulicherweise immer schnell bestraft. Den Andre trieb es wenige Tage später vom Wasser, weil ihm ein Seehund tief in die Augen blickte.

Letztendlich haben diese Anekdoten doch zu einem schönen Urlaubsergebnis geführt. Wenn man die Wahl zwischen Sylter World Cup Trubel oder einem dreiwöchigen Bretagne-Surfurlaub zu zweit hat, wofür entscheidet man sich dann wohl?


Was zu zweit ganz viel Spaß bringt ist Schlemmen. Morgens mit einem üppigen Frühstück - mit französischen Baguette versteht sich – angefangen, wurde die Busküche abends in eine Haute cuisine verwandelt. Geschnetzeltes zu roten französischen Kartoffeln, Pasta in sämtlichen Variationen und vieles mehr. Der Standard entsprach nicht der gewohnt schlichten und Low-Budget ausgerichteten Busküche, aber tat enorm gut. Zum Dinner wurde stets Rotwein aus dem Tetra-Pack gezapft ;) Köstlich!
Und wie lässt Man(n) einen Abend besonders schön ausklingen? Mit live Gitarrenmusik. Einfach traumhaft.

Für Magnus startete der Tag hingegen schön, wenn wir durch die herrliche Landschaft spaziert sind. Die bretonischen Felsformationen und das milde Klima bieten Dünen und einer mit Büschen und Kleinsträuchern bewachsenen Vegetation im Hintergrund ausreichend Platz. Der Duft von Minze liegt in der Luft. Die süßliche Note stammt von den vielen wild wachsenden Brombeeren, die übrigens ganz lecker schmecken. Der Morgentau fällt vom wuchernden Farn herab. Nicht ohne Grund, ist die Bretagne auch für Wanderer bekannt, die wir oft auf den engen Pfaden durch den Naturpark trafen.

Apropos Treffen. Da reist man knapp 2000 Kilometer gen Süden und trifft neben vielen bekannten Gesichtern ohnehin meist deutsche Leute an. In der ersten Woche waren wir fast ausschließlich in La Palue. Die Atmosphäre des Spots und des Parkplatzes ist freundlich und familiär. Wir nannten es dort schnell unser „zu hause“. Ob nun der ruhige Nachbar mit seinem T 1, der neben den Surfsessions immer schön gelesen hat, eine Gruppe Iren, die so verdammt geile irische Stimmungsmusik gemacht hat oder die verrückten Bochumer, mit denen wir sogar eine lustige Parkplatzparty feierten. Es war fantastisch so viele neue Menschen kennen zu lernen.

Der Running Gag waren übrigens wir. Sternchen war ja schon ganz gut bepackt. Gemäß Andre´s Slogan: „Man muss immer alles dabei haben“, hatten wir jeder einen Wellenreiter und zwei Windsurfboards plus zwei Gabelbäume, vier Masten und 7 Segel dabei. Dazu einen Strandsurfer und mein Longboard. Uns fiel das erst gar nicht so auf. Aber das gesamte Inventar plus Solardusche sowie Magnus und sein großer Hundekorb amüsierte unsere Nachbarn stark. „Wir haben uns schon gewundert, was ihr da noch so alles aus eurer Zauberkiste holt“, lacht Leon (ein Bochumer) abends bei einem netten Snack.

Nach drei Wochen Bretagne haben wir eins gelernt: hier bläst es einen nicht vom Hocker. Man kann getrost das kleine Windsurfmaterial zu Hause lassen.

Die Windsurf-Sessions lassen sich an einer Hand abzählen. Wir sind so oft dem Wind nachgejagt, um dann entweder in miese Bedingungen oder Windarmut trotz Sturmforecast zu gucken. Einmal machten wir uns auf den Weg zum legendären „La Torche“. Ich habe noch nie so krass saubere Wellen laufen sehen. Mit einer Höhe von mindestens 2,50 Meter sortierte sich das Line-Up besser als an jeder Schnur gezogen um die Felsnase von La Torche. Zum Wellenreiten perfekt. Es hat sogar einen Local mit Windsurfzeug aufs Wasser gezogen. Ohne Trapez, weil an Gleiten nicht ansatzweise zu denken war. Die Wellen hatten aber genug Schub, um ihn kurz vor den Wellenreitern ins Rutschen zu bringen. Der Typ rippte, was das Zeug hielt.

Am nächsten Tag war zwar genug Wind in La Torche vorhanden, aber dafür war alles auflandig und selbst Sylt hätte jetzt netter ausgesehen. Wir flüchteten nach „Penhors“, wo es auch nicht gut aussah. Also fuhren wir weiter bis nach „Kersiny“. Zackig aufgebaut nach längerer Anreise, ging es aufs Wasser. Andre kämpfte sich durch den Shorebreak und krallte sich auf dem Rückweg ein paar von den closed brechenden Wellen. Ich fühlte mich hier nicht so wohl. Der Kälteeinbruch verstärkte das noch. In meinem 4/3er Neo war es viel zu kalt. Ich zitterte am ganzen Körper und flüchtete vor einer Regenfront in den Bus. Leider hielt die Front den ganzen Tag an, knippste den Wind aus und ließ den Wunsch einer heißen Dusche auf einem Campingplatz wachsen. Haha! Die hatten aber bereits alle geschlossen...

Schließlich strandeten wir wieder auf der Halbinsel Crozon in „Goulien“. Der beste Windsurfspot des Urlaubs. Zuvor machten wir noch einen Zwischenstopp in „St. Tugen“. Auch so ein berüchtigter Spot. Kein Wunder! 2,5 Meter Beachbreak bei kaum fühlbaren Wind...
In Goulien konnte man sich herrlichst bei Ebbe einfahren. Mit auflaufendem Wasser wuchsen die Wellen rasch mit, was Wellenreit-Fun garantiert. Durch die umliegenden Felsen hat man dann nur mit etwas Luvstau zu kämpfen. Aber was soll´s?! Es lief hier echt gut und wir kamen zumindest mit großem Material (86 l One und 4,5er Guru) voll auf unsere Kosten.

Und wenn der Wind noch nicht zum Windsurfen reichte oder er nachließ, gingen wir wie viele andere dort Wellenreiten. Das kräftezehrende Rauspaddeln wurde mit fetten Wellen und langen Wellenritten belohnt :)

Goulien und die Bretagne verabschiedete sich für ich mit einer grandiosen Quatro-Session! Wellenreiten zum Frühstück, Strandsurfen nach dem Mittag, Windsurfen im Anschluss und eine letzte gemeinsame Wellreit-Sunset-Session mit dem lieben Urlaubspartner.
Mein Fazit:
Die Bretagne ist immer eine Reise wert. Man kann kommt in dieser einmaligen Naturlandschaft mit bretonischen Felsformationen wunderbar zur Ruhe, schöpft neue Kraft und Energie und kann täglich Surfen.

Das Windsurfen tritt etwas in den Hintergrund, macht bei passenden Bedingungen und diesem Swell aber wahnsinnig Spaß.

Wenn man geschickt die Spots wechselt, schafft man es zumindest wie wir in der Nebensaison ohne Campingplatz zu reisen, was ich einfach schöner finde, da man sich freier fühlt. Duschen kann man in Morgat im Yachthafen gegen eine geringe Gebühr. Bei „L´Eclerc“ kann man den Einkauf mit einem Internetzugang verbinden und findet dort auch eine Toilette mit unserem Standard (sonst haben die Franzosen oft nur Wannen mit einem Abfluss im Boden).

Mein Tipp: Wer keinen Partner hat, sucht sich einen Reisebegleiter und macht einen Öko-Trip. Oder doch einen Love-Trip???

Hang Loose,
Nadine

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